Die autobiographischen
Erinnerungen in meinen Büchern
Die Kindheitserinnerungen, oder
das, was ich für Erinnerungen halte, bilden einen
großen Teil meines Schreibprozesses. Einige
ganz bewusst, andere unterschwellig.
Als ich die Vorbereitungen für
meine ersten Geschichten traf, war die eigene Kindheit
gar nicht so weit entfernt. Ich konnte damals die
einzelnen Ereignisse noch ausgesprochen plastisch
vor meinen Augen sehen und sogar das Echo der konkreten
Sätze, die dabei ausgesprochen wurden, hörte
ich noch sehr deutlich. Das führte dazu, dass
ich ganze Situationen fast ohne Änderung nahm
und ins Literarische übertrug. Ein Beispiel dafür
ist das Kapitel Beim Chinesen gibt´s Fische
oder Das Martinsessen und ebenfalls Fünfzig Kilo
– Kleinigkeit aus meinem Buch Wer spinnt denn
da? Unsere Eltern haben uns tatsächlich in der
Zeit des kommunistischen Regimes ab und zu in ein
gutes (und damals ziemlich teures) Restaurant genommen,
damit wir uns den alltäglichen totalitären
Geschmack verbesserten und wieder Lust kriegten (natürlich
spreche ich da nicht, oder nicht nur übers Lust
aufs Essen). Genauso war es mit unserer Sehnsucht
nach dem Leben auf dem Land, wo wir bei jeder Gelegenheit
hinflüchteten, obwohl – oder gerade deshalb
weil – wir wussten, dass die Eltern wegen ihrer
Arbeit die Stadt nicht verlassen konnten. Zu meiner
Beschämung muss ich zugeben, dass die Geschichte
mit gestohlenen Kastanien auch authentisch war.
Im Buch Der Sommer hat Eselsohren
arbeite ich mit einer anderen Art der Erinnerungen.
Ich mische meine eigenen Erlebnisse mit denen von
meiner Mutter, die als Mädchen in einem kleinen
Dorf wohnte und wirklich einen Esel besaß. Sie
erzählte mir so oft von seinen dummen und lustigen
Streichen, die ihre Kindheit begleiteten, dass ich
allmählich das Gefühl gewann, das alles
selbst erlebt zu haben. In der Figur der Pragerin
Johanka habe ich meine Beziehung zur freien Natur,
zur tschechischen Landschaft ausgedrückt –
dasselbe wiederhole ich, nur noch viel stärker
in Entführung nach Hause. Wenn ich heute darüber
nachdenke, bin ich überzeugt, dass diese enge,
intime Beziehung zur Natur durch die Unfreiheit und
ununterbrochene Kontrolle des Staates entstand. Es
war eine Reaktion, eine Rebellion und eine Flucht
zugleich. In der Natur – im Wald, in den Bergen,
auf einer einsamen Wiese – fühlte man sich
unkontrolliert.
Die Zeit der geheimen Wünsche
ist ein ausgesprochen autobiographisches Buch. Ich
schrieb es kurz nach meiner Emigration. Ich saß
in Wien, und auch wenn die Stadt gar nicht so weit
von Prag liegt, durfte ich nicht zurück, weil
ich sonst verhaftet worden wäre. Ich hatte schreckliches
Heimweh und aus ihm heraus schrieb ich die Prager
Geschichte, die sozusagen einer Liebeserklärung
gleicht. Sehr viele Situationen und auch Figuren entsprechen
der Wahrheit, so wie ich sie kannte und mich an sie
erinnerte. Und natürlich die Gefühle. Die
eigene Hilflosigkeit und Mut, von dem man gar nicht
wusste, dass es Mut war. Beim Schreiben dieses Buches
habe ich intensiv an meinen Vater (der damals schon
tot war) gedacht und reflektierte, wie wichtig er
für mein Heranwachsen war.
In meinen späteren Büchern
sind die Erinnerungen schon anders verarbeitet. Sie
sind sehr umgestaltet und spielen fast immer nur die
Rolle einer offenen Tür, durch die ich eintreten,
mich als zu Hause fühlen und zu erzählen
beginnen kann. So ist es zum Beispiel mit Elias und
die Oma aus dem Ei, bei dem ich zwar meine eigene
tolle Oma vor den Augen hatte, aber der Phantasie
doch einen größeren Raum als den echten
Erinnerungen freimachte.
Zum autobiografischen Erzählen
komme ich wieder im Roman Carolina zurück. Die
Hauptfigur hat viele von meinen Charakterzügen
(falls ich mich selbst als Mädchen gut in Gedächtnis
habe) und wichtige Scheidewege ihres Lebens sind nicht
gesponnen. Ich war es, wer auf den Kirchturm geklettert
hat, mein Bein wurde beim Sturz gebrochen, ein Teil
meiner Pläne und Sehnsüchte ging dadurch
verloren. Sogar der verzweifelte Abend und der pubertäre
Selbstmordversuch, der glücklicherweise nicht
tragisch endete, sind keine literarischen Hyperbel.
Ich glaube, ein Schriftsteller
kann sehr authentisch sein, auch wenn er ein Genre
schreibt, das nicht realistisch ist. Er kann eine
Phantasy, eine Sci-fi, eine Rittergeschichte oder
sogar ein Märchen schreiben und trotzdem so viele
eigene Motivationen, Charakterzüge und umgestaltete
Erlebnisse hineinstecken, dass es das Genre überschreitet
und sich in etwas Eigenes, Einzigartiges entwickelt.
Ich fühlte es, als ich Eulengesang schrieb, und
ich bestätige es mir wieder gerade jetzt bei
der Arbeit an einem utopischen Roman für Jugendliche.
Für
die Ausstellung in der Stadtbüchrei Rüsselsheim,
September 2005
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